Allgemeine Zeitung Mainz, 09.07.2011

Vom Asta ins Landesparlament

Von Markus Lachmann

GRÜNE Ein „ewiger Student“ hält Studienkontenmodell in Rheinland-Pfalz für unfair

MAINZ. Die Wände im Abgeordnetenbüro wirken noch etwas kahl, und ein bisschen hat es den Anschein, er sei Besucher statt Mitglied des Parlaments, wenn Gunther Heinisch über die Flure des Mainzer Abgeordnetenhauses läuft. Seit fast zwei Monaten sitzt der 33-jährige Mainzer für die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag.

Selbstverständlich war es nicht, dass der Politikstudent den Einzug ins Parlament schaffte: Er kandidierte auf Platz 18, und genau 18 Grünen-Abgeordnete zogen in den Landtag ein. „Riesig gefreut“ habe er sich über das Ergebnis seiner Partei, 15,4 Prozent. Und auch ein bisschen daran geglaubt. Fünf Jahre arbeiteten die Grünen in Rheinland-Pfalz in der außerparlamentarischen Opposition, kurz APO. Nun müssen sie eine Fraktion neu aufbauen, Büros ausstatten, Stellen ausschreiben, Strukturen entwickeln. Dass noch ein bisschen improvisiert wird, ist verständlich. Und auch das Zusammenspiel mit dem Koalitionspartner SPD muss noch besser abgestimmt werden, heißt es bei den Grünen.

Heinisch ist ein unspektakulärer Typ, macht nicht viel Aufhebens um seine Person. Als der Fotograf der Zeitung zum „Shooting“ erscheint, tauscht der Abgeordnete noch schnell den Pulli gegen ein schwarzes T-Shirt. Krawatte im Landtag? Pulli und Hemd reichten völlig aus, sagt er. „Damit kann man überall hingehen.“

Noch nach den Sommerferien will Rot-Grün in Rheinland-Pfalz die Gebühren für Langzeitstudenten abschaffen. Heinisch, der im 21. Semester Politik, Geschichte und Strafrecht studiert, ist einer davon, auch wenn er nicht betroffen ist: Er hat an der Uni Mainz in diversen Gremien mitgearbeitet, deshalb wurde ihm ein Bonus-Guthaben angerechnet. Somit fielen für ihn keine Gebühren an. Die Bezeichnung „ewiger Student“ mag er nicht so gern. Nun arbeitet er daran, dass aus dem „ewig“ ein „ehemalig“ wird. In seiner Abschlussarbeit beschäftigt er sich mit der „Mandatszuteilung bei Wahlen“.

Wer sich die Liste seiner früheren Aufgaben und Ämter anschaut, weiß, wo die Semesterzahl herrührt: Vorsitzender des Asta, Mitglied des Studierendenparlaments, Sprecher der Hochschulgruppe Campus Grün, Mitglied des Senats – und so weiter. Auch in der Kommunalpolitik engagiert sich Heinisch, passionierter Alpenwanderer und Hobbykoch. Seine politischen Schwerpunkte: Kultur und Bildung. Der 33-Jährige „feilte“ auch am rot-grünen Koalitionsvertrag mit.

Bislang war das Erststudium in Rheinland-Pfalz gebührenfrei. Langzeitstudenten mussten zahlen: 650 Euro pro Semester, wenn die Regelzeit überschritten war. Diese „Studienkontenregelung“ ist unfair, findet Heinisch: Das treffe zum Beispiel Studenten, die Angehörige pflegten, in Vereinen aktiv seien oder nebenher arbeiten müssten, um ihr Studium zu finanzieren. Und anders als vor wenigen Jahren sei Rheinland-Pfalz nicht mehr von Bundesländern mit Studiengebühren umzingelt, ganz im Gegenteil.

Bei der Frage, wie die Grünen die Hochschulfinanzen verbessern wollen, bleibt der Mainzer eher vage. Er sieht einen Zusammenhang zwischen „Geld, Qualität und Kapazitäten“, wichtig ist ihm, dass die Hochschulen gute Bedingungen in der Breite der Lehre anbieten, offen bleiben. Heinisch könnte sich einen „Bildungssoli“ statt den Ostsoli vorstellen.

Persönliche Angriffe, wie er sie im neuen Landtag bereits erlebt hat, liegen dem 33-Jährigen fern. Für ihn zählt die Sache, das Argument. „Die Diskussionskultur ist noch nicht überzeugend“, sagt Heinisch, und dürfte damit vielen seiner grünen Kollegen aus dem Herzen sprechen. „Ich hoffe auf fachliche Debatten mit sachlichem Tonfall.“

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